Harald Kurt Liese
Fotos aus dem Frankfurt der 50er und 70er Jahre
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Eschenheimer Tor » Turmpalast

Zusammen mit den benachbarten Bayer-Haus und dem leider bereits abgerissenen Rundschau-Haus bildet der Turmpalast das 50er-Jahre-Ensemble östlich des Eschenheimer Turms. Das Turmkino ist dabei als Komplex mit einigen direkt daran angebauten Wohnhäusern zu sehen, eines davon das sogenannte "Nitribitt-Haus" in der Stiftstraße.

Die Fotos aus den 50er Jahren zeigen den Aufbau des Turmpalast, beginnend mit den Vorbereitungen in den Ruinen des Kinos "Groß-Frankfurt", dem Aufsetzen des neuen Dachs und schließlich noch eine Aufnahme, auf der man sehen kann, wie der Eingangsbereich umgestaltet und das heute noch sichtbare Wohnhaus davor gesetzt wurde.

 

Senckenberg-Gelände

Bevor an dieser Stelle zwei der wichtigsten Kinos der Stadt eröffnen (und wieder schließen) sollten, befand sich auf diesem und den benachbarten Grundstücken das Gelände der Dr. Senckenbergische Stiftung.

Senckenberg erwarb 1766 „ein Haus auf der Eschenheimer Gasse mit dem dazu gehörigen Lustgarten und daran gelegenen Bleichgarten und darin stehendem Hause, hart an dem Eschenheimer Tor“. Das Gelände umfasste 3,2 Hektar [...]. Später erwarb er noch weitere Nachbargrundstücke.

Quelle: Wikipedia

Zu dem Gelände gehörte u.a.eine Bibliothek, ein Medizinalgarten sowie ein anatomisches Institut. Nicht zuletzt aber auch das Bürgerhospital, das damals etwa an der Stelle des heutigen Constantin-Hauses stand. Senckenberg selbst ist übrigens bei einem Unfall auf der Baustelle 1772 ums Leben gekommen.

Der unten stehende Auschnitt aus dem Malerischen Plan von Frankfurt von Friedrich Wilhelm Delkeskamp zeigt das Stiftungsgelände im Jahr 1864.

1907 zogen die Einrichtungen der Senckenberg-Stiftung an verschiedene Stellen der Stadt um, damals entstand u.a. das heutigen Senckenberg-Museum in Bockenheim und das Bürgerhospital im Nordend.

 

Das klassizistische Gebäude im Innenhof

Im Krieg wurde das alte Bürgerhospital viele andere Häuser in der Nachbarschaft stark beschädigt. Auf diesem Foto, das mein Großvater in den 50er Jahren aufgenommen hat, sieht man am linken Bildrand noch die Ruinen des Bürgerhospitals. Und im Innenhof des Geländes, zwischen den Ruinen und vor dem Neubau des Turmkinos fällt ein kleines, fensterloses Gebäude im Stil des Klassizismus auf. Es scheint den Krieg ohne Schäden überstanden zu haben.

Die Funktion dieses Gebäudes ließ sich leider noch nicht ermitteln, aber es handelt sich ganz ohne Zweifel um den letzten Rest der Senckenberg-Gebäude, der den Krieg überstanden hatte. Man findet es u.a. auf dem Modell des Stiftungsgeländes, das im Historischen Museum aufbewahrt wird (siehe Foto). Auch auf einer Aufnahme des alten Botanischen Gartens kann man das Gebäude entdecken (vgl. Der Botanische Garten der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main, Seite 14). Und schließlich auf einer alten Zeichnung des Bürgerhospitals (vorletzte Abbilung, linker Bildrand)

Vermutlich in dern 50ern wurden dieser kleine Rest des alten Stiftungsgeländes dann auch abgerissen. Er befand sich etwa dort, wo heute der Parkplatz hinterm dem Constantin-Gebäude ist - an der Grundstückgrenze zum Hinterhof des Turmpalast, die heute von einer weißen Mauer markiert wird.

Ein paar weitere Überbleibsel des Stiftungsgeländes gibt es übrigens doch noch:

  • Die Senckenberg-Eibe ist ein etwa 400 Jahre alter Baum, der früher etwa an der Stelle stand, wo heute der Bürgersteig vor der Bar "Kleinlaut&Brown" verläuft. 1907 wurde der Baum in den heutigen Palmengarten umgepflanzt (vgl. Wikipedia und Fotos im Newsletter des ISG).
  • Senckenberg hatte sich bereits zu Lebzeiten eine Gruft auf dem Stiftungsgelände bauen lassen. Beim Verkauf des Geländes wurde er umgebettet und seine Gruft auf dem Gelände des heutigen Bürgerhospitals wiederaufgebaut, wo er noch heute liegt (aktuelles Foto bei Wikimedia)
  • Und ebenfalls vom alten Bürgerhospital zum neuen Krankenhaus im Nordend umgezogen ist das Uhrtürmchen, das man noch heute auf dem Dach sehen kann. Bei der Inspektion eben jenes Türmchens ist der Stifter vom Gerüst gestürzt. Ein aktuelles Foto findet man bei Wikimedia, eine historische Zeichnung findet man im Hintergrund dieses Gemäldes.

 

Das erste Kino: UFA "Groß-Frankfurt"

Ich hätte hier gerne zwei Fotos vom "Groß-Frankfurt" gezeigt, leider ließen sich die Urheberrechte aber nicht klären.
Aber ich verweise gerne auf die folgenden beiden Bilder bei frankfurt-nordend.de (unbedingt anschauen!):

Nach dem oben erwähnten Umzug der Senckenberg-Stiftung wurden das Museum und die Bibliothek gegenüber dem Eschenheimer Turm abgerissen. 1916 entstand hier das Vergnügungsetablissement "Groß-Frankfurt", ein "vielschichtiges Unternehmen mit Varieté, Theater, Restaurant, Café, Bar, Tanzdiele":

1925 werden angepriesen: »Weinklause, die führende Kleinkunstbühne Süddeutschlands, Tischbestellungen; Tanzpalais, der Treffpunkt der Frankfurter Gesellschaft, Tanzvorführungen, Konzert, Gesellschaftstanz, Tischbestellungen, Einlaß 8 Uhr, Gesellschaftsanzug erbeten; Wiener Café, angenehmer Aufenthalt, täglich Konzerte, eigene Konditorei; im Hause erstklassige Küche und 1a Weine bei zivilen Preisen.

Quelle: Zu Gast im alten Frankfurt, Wolfgang Klötzer

1929 wurde das Gebäude dann umgebaut und um ein Kino mit über 1.200 Plätzen erweitert, das im ehemaligen Operettensaal untergebracht wurde. Die Ruinen dieses Saales könnten dann das sein, was man auf den unten stehenden Fotos aus den 50ern sehen kann. Das ist eben eine der Fragen, die ich bislang nicht klären konnte: Befand sich das erste Kino im nördlichen oder im südlichen Saal des Komplexes?

Der alte Raum des ehemaligen Operettentheaters ist baulich kaum verändert worden, lediglich zu beiden Bühnenseiten musste ein Raum für den Orgeleinbau gewonnen werden. Die innenarchitektonische Ausstattung ist vom Architekt Levy (BDA) in recht geschmackvoller Weise gelöst worden. Der Einbau der grossen Philipps-Kinoorgel erfolgte in kleine fingierte Logen zu beiden Seiten der Bühne. In dem mustergültig eingerichteten Vorführungsraum arbeitet der Operateur Conrady mit 2 AEG-Projektoren, die beiden Klangfilm-Appaate werden wohl in den nächsten Wochen in Tätigkeit gesetzt.

Quelle: Zitat aus dem Film-Kurier, auf allekinos.com

Beim Umbau 1929 wurde auch der neoklassizistische Portikus entfernt, den man noch auf den ältesten Abbilungen sehen kann (siehe Foto-Archiv des ISG (dort muß man dann leider nach "Groß-Frankfurt" suchen).

 

Der Turmpalast

Im März 1944 wurde das Groß-Frankfurt durch die Bombenangriffe stark beschädigt. Nach dem Krieg erfolgt der Wiederaufbau unter den Namen "Turmpalast", allerdings einige Meter weiter östlich, um die Große Eschenheimer Straße vergrößern zu können. Die Architekten waren Schlemmp, Schweitzer und Hebebrand.

Zur feierlichen Eröffnung am 30. März 1950 bot das zukünftige Premierenkino 1.200 Sitzplätze im Parkett und in der Mittelloge. Für die Farbkomposition des Saales zeichnete Hans Leistikow verantwortlich.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 31. März 1950 auf kinowiki

Wie man auf den unten stehenden Fotos erkennt, basiert das Turmkino wohl doch auf den Ruinen und Resten des "Groß-Frankfurt", zumindest aus dem nördlichen Teil des alten Gebäudekomplexes. Man erkennt z.B. daß Türen und Fenster in den alten Außenwänden zugemauert und in den Neubau integriert wurden. Vielleicht liegt hier schon ein Teil des Problems, das später zur Schließung des Kinos führen sollte:

Die Bauaufsicht hat verfügt, dass das Kino aus statischen und aus Brandschutzgründen den Betrieb einstellen muss, falls das Gebäude nicht grundlegend saniert wird.

Quelle: Ratlos vor dem Turmpalast, FAZ vom 26.02.2010

 

Der südliche Saal des "Groß-Frankfurt"

Das "Groß-Frankfurt" muß aus mehreren Sälen bestanden haben, neben dem Kino wurden ja auch weiterhin u.a. Theater- und Varietévorstellungen angeboten. Auf den Fotos, die vom Rundschau-Gelände aus aufgenommen wurden, erkennt man den zweiten Saal, dessen hohe, fensterlose Wand direkt an die Stiftstraße grenzte und in einer Flucht mit der Fassade der Stiftstraße 32 stand. Dieser Saal wurde ca. 1950 abgerissen um Platz für die Wohn- und Geschäftshäuser Stiftstraße 36 und 34 zu schaffen.

Auf einem Luftbild aus der Zeit vor den Bombardierungen erkennt man gut die zwei großen Gebäudeteile mit den hohen Dächern rechts oberhalb vom Eschenheimer Turm.

Die Wand des südlichen Saals mit der fünfteiligen Fassade kann man auch auf einem der ältesten Abbildungen, etwa von 1910, erkennen: Foto-Archiv des ISG, dort muß man dann leider nach "Groß-Frankfurt" suchen.

 

Das Ende des Turmpalast und die weitere Zukunft

Der Betreiber des Turmpalast hat immer mal wieder gewechselt, von 1972 bis 1978 war es zum Beispiel die "Olympic", deren Namensschild man selbst 30 Jahre später noch immer am alten Briefkasten findet (siehe Foto). Zuletzt gehörte das Kino der Cinestar und hatte sich ab Mitte der 90er mit englischsprachigen Originalversionen eine schöne und wohl auch lukrative Nische mit Stammpublikum geschaffen. Das sagte zumindest der Kinoleiter gegenüber dem Frankfurt Journal (vgl. Pflasterstrand-Blog).

Trotzdem wurde über viele Jahre nichts mehr in das Kino investiert, so daß das Gebäude einen maroden Charme bekam. Charmant aber marode. Der Geruch auf dem Herrenklo wohl sagenhaft. Es war zwar keine Ruine wie in den 50ern, aber der Putz bröckelt trotzdem auch auf den Fotos von 2011. Aber irgendwie machte das alles auch das besondere an diesem Kino aus.

Es ist das schleichende Ende einer großen Tradition. Im Teppichboden klaffen Löcher und Risse. Die Sessel vor den Leinwänden sind zerschlissen. "Das Kino ist marode", urteilt Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth.

Quelle: Schleichendes Ende, Frankfurter Rundschau vom 12.02.2010

Am 09.06.2010 wurde der Turmpalast dann schließlich geschlossen. Die weitere Zukunft des Geländes ist noch unklar und wird vor allem durch die vielen unterschiedlichen Eigentümer der benachbarten Grundstücke verkompliziert. Aber der Abriss des Kinogebäudes ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Und das ist irgendwie traurig. Vor allem weil danach vermutlich ein austauschbarer Glas/Stahl/Shopping/UrbanLive-Komplex entstehen wird - der erst in ein paar Jahren sein eigenes Flair entwickeln wird, bis man ihn in ein paar Jahrzehnten vermutlich auch wieder abreißt.

Zu der Frage der Geschichte der Nittribit oder der Werbung Detektiv Tudor habe ich natürlich ein weinendes und ein lachendes Auge: Einerseits leben wir jetzt schon seit mindestens 40 Jahren mit dieser Nachkriegskulisse, die sich uns natürlich stark eingeprägt hat, andererseits kann man städtebauliche Fehler nicht nur aus Rührseligkeit endlos konservieren. Aber: Wichtig ist, dass wirklich danach etwas Besseres dorthin kommt – wenn man ein solches Gebäude abreißt, sollte dort etwas entstehen, das zu einer echten Qualitätssteigerung führt

Ardi Goldman gegenüber dem Journal Frankfurt

Stellt sich halt die Frage, warum man in dieser Ecke einen städtebaulichen Fehler sieht? Oder warum andere Kritiker den Baustil als miefig und kleinbürgerlich bezeichnen? Wenn man sich die Fotos aus den 50er Jahren anschaut, erkennt man meiner Meinung nach vor allem die bemerkenswerte Leistung, wieder etwas aus den Trümmern entstehen zu lassen. Etwas, das jetzt schon über 60 Jahre überstanden hat. Und man vernachlässigt auch ein wenig die Interessen der Menschen, die hier schon seit vielen Jahren leben. Und denen es zu verdanken ist, daß die Innenstadt eben nicht nur aus Geschäften und Büros besteht, sondern tatsächlich bewohnt wird. Beim Fotografieren im Hinterhof und im Nitribitt-Haus bin ich jedenfalls - verständlicherweise - argwöhnisch beobachtet worden.

Wer sich über die weitere Entwicklung und mögliche Planungen informieren möchte, dem sei der Thread "Turmpalast-Areal: Neubebauung inkl. Wohnhochhaus geplant" im DAF-Forum empfohlen, darunter auch dieser Beitrag über die Besitzverhältnisse an dieser Straßenecke.

Bei Facebook gibt es übrigens u.a. die Gruppe Kino am Turm / Rettet das Nitribitt-Haus und den Turmpalast.

Letztes Update:
2011-09-14

Ausschnitt aus dem "Malerischen Plan von Frankfurt" (1864) von Friedrich Wilhelm Delkeskamp(Quelle: Wikimedia, gemeinfrei)


 

Auschnitt aus einer Karte von OpenStreetMap. Links der Eschenheimer Turm, oben die Bleichstrae.

Die weien Blcke sollen die sichtbaren Ruinen skizzieren. Das Dreieck mit dem Pfeil kennzeichnet die Kameraperspektive (gilt auch fr die nachfolgenden Zeichnungen).

Blick durch den Saal in Richtung Bleichstrae. Man erkennt die Gruppen aus jeweils drei Fenstern, die man bereits auf Aufnahmen von 1910 sehen kann (zu finden im ISG-Archiv, nach "Gro-Frankfurt" suchen).


 

Blick von innen auf die sdlichen Auenmauer des Kinos. Das rechts stehende Foto aus dem Jahr 2011 zeigt den Blick auf die gleiche Mauer, allerdings von auen.


 

Foto aus dem Jahr 1948 oder 1949, zu erkennen an der Werbung fr den Film "Die roten Schuhe" (vgl. IMDB). Im Vordergrund erkennt man den alten Eingangsbereich, der noch vom Gro-Frankfurt stammt. Ich wei aber nicht, ob dieser nicht noch in den 40ern abgerissen wurde, Fotos vom Bayer-Haus lassen das vermuten. Einige Jahre spter wurde der Eingang jedenfalls mit einem Wohnhaus berbaut (siehe unten).

Am rechten Bildrand erkennt man den zweiten, sdlichen Saal des "Gro-Frankfurt", der etwa an der Stelle der Stiftstrae 34 stand.

Hinten rechts (vor der Peterskirche) wird gerade das Constantin-Haus gebaut.

Die Perspektive dieses Fotos entspricht ziemlich genau der einer Aufnahme von 1944 (unbedingt anschauen!). Man erkennt zum Beispiel das gleiche Dach ber den Kassenhuschen.


 

Blick von der Baustelle des Rundschau-Hauses auf das Ende der Stiftstrae. Man erkennt die hohe, fensterlose Wand des sdlichen Saals des "Gro-Frankfurt". Dieser mu direkt an der Stiftstrae gestanden haben, denn er steht in einer Flucht mit der heute noch vorhandenen Stiftstrae 32.


 

Man sieht, da beim hinteren, nicht ganz so hohe und schmalere Teil des Turmpalast der Putz brckelt whrend das Kino selbst noch gar nicht verputzt wurde - der kleine Annex mu also schon vor dem Krieg bestanden haben. Er findet sich auch auf Stadtplnen aus den Kriegsjahren wieder. Dieser Teil des Turmpalast war also mal ein Stck vom "UFA Gro-Frankfurt".


 

Blick von der Ecke Karzenpforte / Stiftstrae. Am linken Bildrand erkennt man die Ruinen des Brgerhospitals. Und im Innenhof fllt das niedrige, fensterlose Gebude auf, das man auch auf dem rechts stehenden Modell entdecken kann.


 

Das Treuner-Modell vom Senckenberg-Gelnde, Blick vom Eschenheimer Turm (also entgegengesetzt zum Blickwinkel auf dem Foto links). Man erkennt in der Mitte den kleinen klassizistischen Bau, der den Krieg berstanden hat. Die Huser im Vordergrund standen etwa dort, wo heute der Eingang zum Turm-Kino ist.

Quelle: historisches museum frankfurt (Genehmigung liegt vor)


 

Der Eingangsbereich im Jahr 1954, diesmal zu erkennen an der Werbung fr den Film "Vera Cruz" (vgl. IMDB). Das Kassenhuschen vom Gro-Frankfurt wurde abgerissen, kurz darauf folgte der Bau des Wohnhauses.


 
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